Heute gibt es Brettspielcafés in vielen Städten der Welt. Das Prinzip erscheint selbstverständlich: Man trifft sich mit Freunden, sucht sich ein Spiel aus einer großen Bibliothek aus, bestellt etwas zu trinken und verbringt gemeinsam einige Stunden am Spieltisch.
Doch das Brettspielcafé, wie wir es heute kennen, ist ein vergleichsweise junges Phänomen. Seine Geschichte führt von frühen Spielekneipen über einen regelrechten Brettspielcafé-Boom in Südkorea bis zu modernen Cafés in Europa und Nordamerika.
Und mitten in dieser Geschichte befindet sich seit 2006 auch die Spielwiese in Berlin.
Was ist eigentlich ein Brettspielcafé?
Die Grenze zwischen einer Kneipe mit ein paar Spielen im Regal und einem Brettspielcafé ist nicht eindeutig.
Schach wurde schließlich schon vor Jahrhunderten in Kaffeehäusern gespielt, und auch Spielkarten, Backgammon oder andere Gesellschaftsspiele gehörten lange zur europäischen Café- und Kneipenkultur.
Das moderne Brettspielcafé geht jedoch einen Schritt weiter: Das Spielen ist nicht bloß eine zusätzliche Beschäftigung, sondern ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells. Typisch sind eine größere Spielebibliothek, geeignete Tische und längere Aufenthaltszeiten. Häufig kommen eine Spiel- oder Tischgebühr, Beratung bei der Spieleauswahl und Regelerklärungen hinzu. Manche Brettspielcafés verbinden dies außerdem mit einem Spieleladen oder einem Verleih.
Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem „ersten Brettspielcafé der Welt“ ist deshalb schwierig. Je nachdem, wie eng man den Begriff definiert, können unterschiedliche Vorläufer als Ausgangspunkt gelten.
Südkorea und der Beginn des modernen Brettspielcafés
Als eine der wichtigsten Geburtsstätten des modernen Brettspielcafés gilt Südkorea.
Bereits Anfang der 2000er-Jahre entwickelte sich insbesondere in Seoul eine ausgeprägte Brettspielcafé-Kultur. Ein zeitgenössischer Bericht der Korea JoongAng Daily beschreibt im März 2003 eine schnell wachsende Szene als Alternative zu den damals allgegenwärtigen PC-Bangs.
Ein Beispiel war „Paperiyagi“. Dessen Filiale im Seouler Viertel Sinchon verfügte damals über rund 150 Spiele (viele davon aus Deutschland) und beschäftigte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Gästen die Regeln erklärten. Nach Angaben des damaligen Berichts kamen etwa 300 Gäste pro Tag.
Auch andere Cafés entstanden in dieser Zeit. Das noch Jahre später als ältestes Brettspielcafé im Stadtteil Sinchon bezeichnete „Fun Café“ gibt seine Eröffnung mit 2002 an.
Die Entwicklung nahm schnell enorme Ausmaße an. Veröffentlichungen zur koreanischen Spielkultur dokumentieren bereits für die frühen 2000er-Jahre eine schnell wachsende Zahl von Brettspielcafés in Seoul.
Damit waren wesentliche Elemente des heutigen Brettspielcafé-Konzepts bereits vorhanden: eine umfangreiche Spieleauswahl, eine Gebühr für die Nutzung, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Spiele empfehlen und erklären, und vor allem die Idee, einen öffentlichen sozialen Raum rund um das gemeinsame Spielen zu schaffen.
Weiterlesen: Korea JoongAng Daily – „Move over Starcraft, gamers go offline at Seoul’s board game cafes“
Von Korea nach China
Das Konzept verbreitete sich anschließend in weiteren Teilen Ostasiens.
Besonders deutlich wurde dies in chinesischen Großstädten. Anfang der 2010er-Jahre berichteten internationale Medien bereits von einer großen Zahl von Brettspielcafés allein in Peking.
Auch dort war die soziale Komponente entscheidend. Brettspielcafés boten jungen Menschen einen Ort, um sich außerhalb der eigenen Wohnung zu treffen und gemeinsam etwas zu unternehmen. Statt anonym gegeneinander am Computer zu spielen, saß man wieder gemeinsam an einem Tisch.
Typisch waren große Spielebibliotheken, lange Öffnungszeiten, günstige Eintrittspreise und Personal, das Spiele erklären konnte.
Während Brettspielcafés in Europa noch eine Besonderheit waren, hatte sich das Konzept in Teilen Ostasiens damit bereits zu einer eigenständigen Freizeitkultur entwickelt.
Deutschland: Spielekneipen noch vor dem großen Café-Trend
Deutschland nahm eine interessante Sonderrolle ein.
Eine Brettspielszene existierte hier natürlich schon lange. Spielevereine, private Spielgruppen, Spieletreffs und Gaststätten mit Gesellschaftsspielen waren nichts Neues.
Einige Betriebe gingen aber bereits in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren deutlich weiter.
Besonders bemerkenswert war die Triangel in Dresden: Die „total verspielte Kneipe“ wurde nach den verfügbaren Quellen bereits 1998 gegründet.
Die Triangel war weit mehr als eine Kneipe mit Monopoly im Regal. Zeitgenössische Beschreibungen sprechen von mehr als 600 Spielen aus zahlreichen Kategorien. Die Gäste konnten aus einer eigenen Spielekarte wählen und gegen eine Gebühr während des gesamten Besuchs spielen. Große Tische, Spieleberatung und eine umfangreiche Speisekarte gehörten ebenfalls zum Konzept.
In einer Diskussion über „Spiele-Cafés“ aus dem Jahr 2004 wurde die Triangel ausdrücklich als „Spiele-Café bzw. Spiele-Wirtshaus“ bezeichnet.
Sie war damit ein sehr früher deutscher Vorläufer des modernen Brettspielcafés.
Die Triangel existierte bis 2017. Die eng mit ihr verbundenen Brettspielhelden Dresden erinnern noch heute an die Spielekneipe und ihre Bedeutung für die Dresdner Brettspielszene.
Weiterlesen: Zeitgenössische Diskussion über Spiele-Cafés auf spielen.de und Brettspielhelden Dresden zur Geschichte der Triangel
Auch Stuttgart hatte früh eine Spielegaststätte
Die Triangel war offenbar nicht der einzige frühe Betrieb dieser Art.
Bereits im Juli 2002 wird in einem zeitgenössischen Spieleforum die Gaststätte Flurwirt in Stuttgart-Bad Cannstatt mit „über 600 Spielen“ empfohlen. In der Diskussion über Spielecafés von 2004 taucht der Flurwirt erneut ausdrücklich als „Spielegaststätte“ auf.
Das zeigt, dass es in Deutschland bereits vor der Entstehung der heutigen Brettspielcafé-Welle einzelne gastronomische Konzepte mit großen Spielesammlungen gab.
Die Quellenlage zu diesen frühen Betrieben ist allerdings lückenhaft. Viele Webseiten aus dieser Zeit sind verschwunden, und „Brettspielcafé“ war noch kein einheitlich verwendeter Begriff.
Deshalb wäre es historisch problematisch, einem einzelnen Betrieb ohne Einschränkung den Titel „erstes Brettspielcafé Deutschlands“ zuzuschreiben.
Quelle: spielen.de – „Spieletreff in Stuttgart/Umgebung“, zeitgenössischer Beitrag von 2002
2006: Die Spielwiese entsteht in Berlin
In diesem Umfeld gründete Michael Schmitt Ende 2006 die Spielwiese in Berlin-Friedrichshain.
Seine Idee entstand nicht einfach aus dem Wunsch, eine weitere Spielekneipe zu eröffnen. Ein Spielecafé mit angeschlossenem Spieleverleih sei bereits während seiner Studienzeit sein Traum gewesen, schreibt Schmitt rückblickend.
Das Konzept der Spielwiese setzte einen anderen Schwerpunkt als die klassische Spielekneipe: Nicht die Gastronomie sollte der eigentliche Anlass des Besuchs sein, sondern das gemeinsame Spielen und die Begegnung mit anderen Menschen.
Schmitt beschrieb diese Abgrenzung später selbst. Die Dresdner Triangel habe ihn zwar sehr beeindruckt, dort habe aus seiner Sicht jedoch die Gastronomie im Vordergrund gestanden und das Spielen als außergewöhnlich umfangreiches Zusatzangebot gedient.
Für die Spielwiese wollte er dagegen einen Treffpunkt schaffen, an dem Menschen auch ohne große Vorkenntnisse zusammenkommen und über Brettspiele miteinander in Kontakt treten konnten.
Daraus entstand die Kombination, die die Spielwiese bis heute prägt:
Ludothek, Café und Spieleladen unter einem Dach.
Michael Schmitt selbst ordnet die Spielwiese rückblickend als „eines der ersten Brettspiel-Cafés“ ein.
Weiterlesen: Interview mit Michael Schmitt bei Abenteuer Brettspiele und Edition Spielwiese – die Geschichte hinter Spielwiese und Verlag
Ein Ort für Spieleautoren entsteht
Die Bedeutung der Spielwiese beschränkte sich schon bald nicht mehr auf den Cafébetrieb.
Kurz nach der Eröffnung entstand der regelmäßige Berliner Spieleautoren-Stammtisch. Dort werden bis heute Prototypen gespielt, diskutiert und weiterentwickelt. Autorinnen und Autoren aus Berlin und darüber hinaus nutzen die Spielwiese als Treffpunkt und Testumgebung.
Aus diesem Umfeld entwickelte sich später sogar ein eigener Verlag: Michael Schmitt gründete 2016 die Edition Spielwiese.
Deren erstes Spiel war Cottage Garden von Uwe Rosenberg. Später erschienen dort unter anderem Nova Luna und MicroMacro: Crime City. Letzteres wurde 2021 zum Spiel des Jahres gewählt.
Damit wurde aus einem Brettspielcafé über die Jahre auch ein kleiner Knotenpunkt der deutschen Autorenspielszene.
Quelle: Edition Spielwiese
2010: Snakes & Lattes und der internationale Durchbruch
Während die Spielwiese in Berlin bereits seit mehreren Jahren existierte, eröffnete 2010 im kanadischen Toronto Snakes & Lattes.
Das Café startete mit einer umfangreichen Spielebibliothek und wuchs schnell. Sein Modell – große Spieleauswahl, Eintrittsgebühr, Gastronomie und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Spiele empfehlen und erklären – wurde international bekannt.
Snakes & Lattes wird deshalb gelegentlich als Ursprung des modernen westlichen Brettspielcafés dargestellt. Historisch greift das allerdings zu kurz: Sowohl in Ostasien als auch in Deutschland gab es deutlich ältere Beispiele.
Seine besondere Bedeutung liegt vielmehr darin, dass Snakes & Lattes das Konzept in Nordamerika und anschließend in vielen anderen westlichen Ländern sichtbar und kopierbar machte.
Der Brettspielhistoriker Tristan Donovan beschreibt Südkorea als wichtigen Ausgangspunkt des dedizierten Brettspielcafés, während das Konzept später auch in Nordamerika und Europa größere Verbreitung fand.
Weiterlesen: Tristan Donovan, It’s All a Game: A Short History of Board Games, Atlantic Books, 2017.
2012/2013: Das Konzept erreicht Großbritannien
Wenig später entstanden in Großbritannien Cafés nach diesem Modell.
Thirsty Meeples in Oxford eröffnete Anfang der 2010er-Jahre und gilt als eines der ersten modernen Brettspielcafés Großbritanniens. Das Café verband eine große Spielebibliothek mit sogenannten „Game Gurus“, die bei der Auswahl halfen und Regeln erklärten.
2014 folgte Draughts in London. Der Guardian berichtete damals über das neue Londoner Brettspielcafé und den sich entwickelnden Brettspielcafé-Trend.
Bemerkenswert ist der zeitliche Vergleich:
Als die ersten heute weithin bekannten britischen Brettspielcafés eröffneten, existierte die Spielwiese in Berlin bereits seit rund sechs Jahren.
Weiterlesen: The Guardian – „London’s first board game cafe to open in Hackney“
Vom Nischenkonzept zum internationalen Phänomen
In den folgenden Jahren verbreitete sich das Modell weltweit.
Heute unterscheiden sich Brettspielcafés erheblich voneinander. Manche ähneln klassischen Cafés mit großer Spielebibliothek, andere eher Bars oder Restaurants. Einige verlangen Eintritt, andere rechnen nach Stunden ab. Wieder andere kombinieren Café, Spielehandel, Veranstaltungen und Verleih.
Gemeinsam ist ihnen eine Idee, die schon die frühen koreanischen Cafés, die Dresdner Triangel und die Berliner Spielwiese verband:
Menschen kommen nicht nur wegen eines Getränks zusammen. Sie kommen, um miteinander zu spielen.
Gerade in einer zunehmend digitalen Freizeitwelt ist daraus ein bemerkenswert beständiges Konzept geworden.
Und wo steht die Spielwiese historisch?
Nach unserer Recherche wäre es falsch, die Spielwiese als „erstes Brettspielcafé Deutschlands“ zu bezeichnen.
Mit der Dresdner Triangel ab 1998 und weiteren frühen Spielegaststätten gab es bereits vorher vergleichbare Konzepte.
Die historische Bedeutung der Spielwiese liegt an anderer Stelle.
Als sie Ende 2006 eröffnete, waren dedizierte Brettspielcafés in Europa noch eine Ausnahme. Der internationale Erfolg von Snakes & Lattes begann erst 2010, die bekannten britischen Brettspielcafés folgten Jahre später.
Die Spielwiese gehört damit zur frühen Generation der europäischen Brettspielcafés.
Hinzu kommt ihr besonderes Konzept als Ludothek, Café und Laden sowie der seit den Anfangsjahren bestehende Spieleautoren-Treff.
Und noch etwas ist bemerkenswert: Die älteren deutschen Beispiele, die wir bei unserer Recherche finden konnten, existieren heute nicht mehr in ihrer damaligen Form. Die Dresdner Triangel schloss 2017.
Einen heute noch bestehenden deutschen Brettspielcafé-Betrieb, dessen Gründung vor 2006 zweifelsfrei belegt werden konnte, haben wir bei unserer Recherche bislang nicht gefunden.
Deshalb lässt sich der heutige Stand unserer Recherche so zusammenfassen:
Die Spielwiese ist seit 2006 eines der ältesten Brettspielcafés Deutschlands und gehört zur frühen Generation moderner Brettspielcafés in Europa. Nach unserer bisherigen Recherche ist sie wahrscheinlich sogar das älteste noch bestehende Brettspielcafé Deutschlands.
Letzteres formulieren wir bewusst als Rechercheergebnis und nicht als unumstößlichen Rekord. Ein vollständiges historisches Register deutscher Brettspielcafés existiert nicht, und gerade kleine Spielekneipen und Cafés aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren sind im Internet teilweise nur noch fragmentarisch dokumentiert.
Sicher ist dagegen:
Seit 2006 dreht sich in der Spielwiese in Berlin-Friedrichshain alles ums gemeinsame Spielen. 2026 sind das zwanzig Jahre Brettspielcafé-Geschichte.
Quellen und weiterführende Links
Internationale Entwicklung
- Korea JoongAng Daily: „Move over Starcraft, gamers go offline at Seoul’s board game cafes“, 12. März 2003.
- Jung Da-il: „Fun-café: Oldest Board-game Café in Sinchon“, The Yonsei Annals, 29. November 2020.
- Tristan Donovan: It’s All a Game: A Short History of Board Games, Atlantic Books, 2017.
- The Guardian: „London’s first board game cafe to open in Hackney“, 16. Juli 2014.
Frühe Spielecafés und Spielegaststätten in Deutschland
- spielen.de: Diskussion „Spiele-Cafés?“, März/April 2004. Zeitgenössische Diskussion unter anderem über die Triangel in Dresden und den Flurwirt in Stuttgart.
- spielen.de: „Spieletreff in Stuttgart/Umgebung“, mit einem zeitgenössischen Hinweis von 2002 auf den Flurwirt und dessen große Spielesammlung.
- Brettspielhelden Dresden: Informationen zur Geschichte des Spieletreffs und der Triangel.
Spielwiese
- Spielwiese Berlin
- Edition Spielwiese
- Abenteuer Brettspiele: Interview mit Michael Schmitt – „Spielecafe, Autoren-Treff, Verlags-Start“, 2. Juli 2019.
- Jörn Morisse/Felix Gebhard: Zeit für Brettspiele, Ventil Verlag, 2020.